4. Fastensonntag: Nachtgedanken – Neubeginn. Etwa für mich?

Das Gespräch des Nikodemus, der Jesus nachts aufsucht, um mit ihm zu reden (überliefert im 3. Kapitel des Johannesevangeliums, Verse 1-21), hat mich dazu angeregt zu fragen, was es heissen könnte, aus heutiger Nikodemus-Sicht einen neuen Blick auf den eigenen Werdegang als Mann zu werfen – in meiner Suche nach Wahrheit und auf dem Weg, ein Stück mehr mich selber zu werden. Ich beschreibe also eine „Verhandlung mit mir selber“, wie es Dag Hammarskjöld nennt.

„Ich bin Nik, 42, eigentlich kann ich ja mit mir und der Welt zufrieden sein. Eigentlich habe ich bereits Vieles erreicht im Leben: die berufliche und öffentliche Anerkennung für meine Leistungen ist mir gewiss, die Zuneigung meiner Familie erlebe ich täglich. Auch kann niemand behaupten, dass ich mich nicht für die Allgemeinheit einsetze: als Ehrenamtlicher habe ich mich in verschiedenen Projekten engagiert und mich dabei als Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit einen Namen gemacht. Auch wird mir ein besonderer Sinn für die Wahrheitssuche nachgesagt…

Eigentlich gute Gründe also für volle Zufriedenheit – und doch: doch erfasst mich hin und wieder eine innere Leere und ich verspüre den Wunsch, dass in meinem Leben  noch Anderes möglich sein sollte. Da quält mich zumal die Einsicht, dass ich zwar alles immer gut und korrekt gemacht habe in meinem Werdegang, aber dass mein Handeln eigentlich immer von Vorgaben und Erwartungen anderer geleitet war. Kaum je hatte ich Zeit und Gelegenheit danach zu fragen, was eigentlich meine eigene Vision und meine „Wahrheit“ im Leben ausmacht, was mich im Tiefsten umtreibt und wonach ich mich im Innersten wirklich sehne…

  • Ob ich wohl deshalb bereit war, mich einzulassen auf das Gespräch mit diesem sonderbaren Weltverbesserer und mich von ihm dermassen faszinieren liess?
  • Ob mich wohl deshalb sein Reden von einem andern Verständnis von Wahrheit so unmittelbar gepackt hat?
  • Ob ich wohl deshalb mich einliess auf eine heftige Debatte über die Möglichkeiten eines nochmaligen „Neustarts“ in einem Leben?

Seine mir gegenüber geäusserte feste Überzeugung, dass auch in meiner Situation ein Neubeginn durchaus noch möglich wäre, hat mich schlichtweg umgehauen. Was mich dabei besonders traf war wohl der Hinweis, dass es nicht die Umstände seien, die in meinem Lebensentwurf das Neue verhinderten, sondern dass ich selber es sei ,der sich im Weg stehen würde und der es sich nicht erlaube, ein neues Licht auf das Vorhandene zu werfen.

DLConsulting  / pixelio.de

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Meine Argumentation mit den tausend Gründen, weshalb eine Neuausrichtung nicht mehr möglich sei, ging mehr und mehr ins Leere. Allmählich begann mir zu dämmern, dass es allenfalls gar nicht darum ging, aus allem Auszusteigen, sondern vielleicht zunächst nur darum, mutiger und entschlossener meine Sicht der Dinge einzubringen und zu meiner eigenen Wahrheit zu stehen.

Eigentlich weiss ich in vielen Situationen ja sehr genau, was ich denke und möchte – und doch fehlt mir oft der Mut, in der jeweiligen Situation beim Chef oder bei der Partnerin dazu zu stehen. Eigentlich bin ich mir vor allem seit meinem gesundheitlichen Einbruch vor ein paar Jahren ziemlich sicher, was mir und auch andern gut tut. Warum denn ist mir denn das Vertrauen in die eigene Intuition abhanden gekommen? Warum ist in meinen Reaktionen dieses Verhalten der Anpassung zum Normalfall geworden? Warum habe ich den Glauben verloren, dass noch Anderes möglich wäre in meinem Leben? Warum habe ich die Idee, mich selber zu sein, aufgegeben mit der Begründung nicht egoistisch sein zu wollen?

Könnte in der Tat das wirklich Neue in meinem Leben darin bestehen, dass ich mehr zu mir selber stehe? Und dass ich auch wage, jene Dinge anzusprechen, welche andere aus was immer für Vorbehalten nicht zu äussern wagen?

Ich glaube, so ein Neubeginn könnte ein Versuch wert sein. Ich bin gespannt, was dabei noch alles ans Licht kommt. Hey Nik, let’s do it!“

Zum Nachlesen: Johannes 3,1-21

Text: Andreas Borter