3. Fastensonntag: Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel

Es ist eine turbulente, eine gefährliche Szene. So emotional erlebe ich Jesus an keiner anderen Stelle des Evangeliums: aggressiv, zornig, fast kopflos, wie er die Geißel aus Stricken schwingt. Er wirft die Händler und Opfertiere aus dem Tempel, stößt die Tische der Geldwechsler um, blafft die Taubenhändler an: „Macht das Haus meines Vater nicht zu einer Markthalle!“

sokaeiko / pixelio.de

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Jesus war in Rage, weil die Zone für solche Geschäfte, wo man römisches Geld (wegen seiner heidnischen Symbole) wegtauschen und Opfertiere kaufen konnte, kurz vorher in das Innere des Tempelbezirks ausgeweitet worden war. Das hatte Jesus erst mitbekommen, als er dort vor dem Paschafest eintraf, vermuten Exegeten, deshalb die heftige Reaktion.

Jesus rastet aus. So kenne ich ihn nicht. Aber ich verstehe ihn. Er ist zornig, er ist enttäuscht, weil „der Markt“, weil das Geschäftemachen nun bis ins Heiligste hineinwuchert – und damit die Gier, das Geschacher, der Missbrauch von Menschen, der Missbrauch von Religion. Sein Gott, den er Vater nennt, steht für ein anderes Gesetz des Zusammenlebens: für die Liebe, die „gratis“ geschenkte Liebe. Im Himmelreich gelten die Gesetze der Liebe, nicht die des Marktes. Und nun nisten sich die Geschäftemacher sogar im Inneren des Tempels ein!

Ich stelle mir vor, der Tempel wäre ein Bild für mich selber. Dass in mir selber der heiligste Bezirk zugewuchert wäre durch das Haben wollen, die Gier, die Suche nach dem eigenen Vorteil? Die Räuberhöhle in mir?  Meister Eckhard deutet die Stelle so. Es gilt, Platz zu schaffen für das Heilige in mir, das auszutreiben, was Gott den Platz in meiner Seele streitig macht. Halte ich „meinen“ Tempel heilig?

Der Markt, die Gier, das Habenwollen, macht nicht nur das Heilige korrupt, sondern zerstört auch die Menschlichkeit. Bis heute. Will mir einer wirklich Gutes oder will er mein Geld? Wir kämpfen heute um den Sonntag als kommerzfreie Zone und haben auch nicht viel mehr in der Hand als eine lächerliche Geißel aus Stricken.

Jesus ist aggressiv. Hat das ein Echo in mir? Bin ich abgestoßen oder fühle ich: ja, im Grunde müsste man mal „durchgreifen“. Mal „aufräumen“. Mal „was tun“. Der heilige Zorn, gefährlich, abgründig, verlockend?

Als Journalist interviewe ich häufig interessante Menschen. Dabei versuche ich, wenn möglich an den Glutkern zu kommen, den ein Gesprächspartner in sich trägt: etwas, wofür er brennt, was ihm wirklich wichtig ist. Genau diesen Glutkern erlebe ich hier bei Jesus. „Der Eifer für Dein Haus verzehrt mich.“ Das Psalmwort fällt den Jüngern ein, als sie Jesus in der Szene erleben. Jesus brennt. Aggression, Ärger, Enttäuschung: die ganze Dynamik der Emotionen wir sichtbar. Sie offenbart das Maß der Leidenschaft, auch das Maß der Liebe, zu der er fähig ist.

Kommt in mir selbst etwas in Resonanz, wenn ich das höre? Gibt es ein Echo, wie fern und verschwommen auch immer? Kenne ich meine Leidenschaft, meine Sehnsucht nach echten Werten, nach unverfälschten Idealen. Wo verläuft meine innere Goldader, mein unverwechselbares Engagement? Wofür setze ich mich ein, was brennt in mir?

Jesus zeigt Leidenschaft. Das bringt ihn mir nah. Er bleibt mir aber auch fremd in der Szene, denn ich würde einen solchen Ausbruch niemals wagen. Auch weil es nichts bringt. Jesus hat unüberlegt gehandelt, sein „Ausbruch“ war am Ende sogar ein großer Fehler. Die „Tempelaktion“ oder „Tempelprovokation“ bringt die Autoritäten gegen ihn auf und ist mittelbar Anlass für seine Festnahme und alles weitere.

Früher hätte ich Tempelaktion Jesu einfach „stark“ gefunden, irgendwie auch männlich. Endlich tritt Jesus mal nicht mild-harmlos, sondern kraftvoll-zornig auf. Aber Männer im heiligen Zorn mit Gewaltneigung sind mir heute mehr denn je zuwider. Und so bin ich froh, dass Jesus auf dieser Spur nicht weitergegangen ist, seine Absage an Gewalt in der Bergpredigt ist programmatisch klar und unmissverständlich.

Umsturz kommt nicht, indem ich die Tische der Wechsler umstürze und indem ich das Schwert ziehe. Der wahre Umsturz braucht größere Stärke: er geschieht, wo Menschen sich um keinen Preis von der Liebe abbringen lassen, egal wie übel man ihnen mitspielt. Wer das „kann“, in der Kraft Gottes, der verwandelt die Welt.

Zum Nachlesen: Johannes 2,13-22

Klaus Hofmeister